Sport, ADHS und die Befreiung von toxischen Körperbildern: Ein Deep Dive mit Sina

In der modernen Fitnesswelt wird Bewegung oft als ein rein ästhetisches Projekt verkauft. Es geht um Vorher-Nachher-Bilder, Gewichtsverlust und die Optimierung der äußeren Hülle. Doch was passiert, wenn dieser Fokus die psychische Gesundheit nicht fördert, sondern aktiv schädigt? In der neuesten Folge von Motivity Moves spricht Host Jenni H. mit der Hamburger Personal Trainerin Sina über eine Reise, die von einer toxischen Beziehung zum eigenen Körper hin zu einer radikalen Selbstakzeptanz führt. Ein zentrales Puzzleteil in dieser Geschichte: Die Diagnose ADHS im Erwachsenenalter.

Die Falle der „Fitness-Kultur“: Wenn Sport zur Bestrafung wird

Sinas Geschichte beginnt an einem Ort, den viele Menschen nur zu gut kennen: In einer Spirale aus Diätkultur und exzessivem Sport. Über zehn Jahre lang war ihr Leben von einer Essstörung und depressiven Episoden geprägt. Bewegung war in dieser Zeit kein Ausdruck von Lebensfreude, sondern ein Instrument zur Kalorienverbrennung und Selbstbestrafung.

„Es ging nur darum, wie dieser Körper aussieht, nicht darum, wie ich mich in dieser Situation fühle“, erklärt Sina. Diese Entfremdung vom eigenen Körper, die Unfähigkeit, physische Signale wie Erschöpfung oder Hunger wahrzunehmen, ist ein Symptom einer Branche, die Perfektion über das Wohlbefinden stellt. Besonders für Frauen der „80er Generation“ war das Bild der „perfekten, schlanken Frau“ allgegenwärtig und prägend für das spätere Verhältnis zu Sport und Ernährung.

Der Wendepunkt: Boxen als mentale Befreiung

Der Ausbruch aus diesem toxischen Kreislauf kam für Sina durch einen glücklichen Zufall. Ein Missverständnis führte sie nicht zum Kickboxen, sondern zum klassischen Boxen. Was als impulsives „Ja, ich komme mit“ begann, entpuppte sich als therapeutischer Durchbruch.

Beim Boxen geht es nicht um die Optik. Es geht um Technik, Präsenz, Reaktion und pure Kraft. Zum ersten Mal erlebte Sina die „Ruhe im Kopf“, die für Menschen mit ADHS oft unerreichbar scheint. „Es ist Wahnsinn, irgendwo reinzuschlagen, ohne dass es strafrechtliche Konsequenzen hat“, scherzt sie im Podcast. Doch der Kern ist ernst: Sport wurde von einer Last zu einer Quelle der Selbstwirksamkeit. Sie lernte, dass sie durch Technik besser werden kann. Eine Erfahrung, die nichts mit Zahlen auf der Waage zu tun hat.

ADHS mit 32: Das fehlende Puzzleteil

Ein entscheidender Moment in Sinas Leben war die ADHS-Diagnose im Mai 2023. Für sie war es die Erklärung für Jahrzehnte voller Fragen. Warum fühlte sie sich oft „anders“? Warum funktionierten herkömmliche Strukturen für sie nicht?

Komorbiditäten und Neurodivergenz verstehen

Sina und Jenni H. sprechen offen über den Begriff der Komorbidität. In der medizinischen Fachwelt ist bekannt, dass ADHS selten allein kommt. Häufig treten Depressionen, Angststörungen oder eben Essstörungen als Begleiterscheinungen auf. Die Diagnose half Sina zu verstehen, dass ihr „wildes Assoziieren“, ihr Drang, tausend Hobbys gleichzeitig zu beginnen, und ihre Schwierigkeiten mit starren Routinen keine Zeichen von Charakterschwäche oder Disziplinlosigkeit waren. Es ist schlicht die Art und Weise, wie ihr Gehirn verdrahtet ist.

Die Herausforderung der Reizüberflutung im Fitnessstudio

Für neurodivergente Menschen kann ein gewöhnliches Fitnessstudio ein Ort der totalen Überforderung sein:

  • Klickende Kugelschreiber oder das Klirren von Gewichten.

  • Laute, oft aggressive Motivationsmusik, die den Fokus stört.

  • Grelle Beleuchtung und eine Vielzahl von Menschen auf engem Raum.

Sina arbeitet heute in einem Umfeld, das bewusst reizarm gestaltet ist – hell, reduziert und ohne die typische, laute Beschallung. Dies ermöglicht es ihr und ihren Klientinnen, sich voll auf die propriozeptive Wahrnehmung zu konzentrieren, also das Gefühl für den eigenen Körper im Raum.

Hypermobilität: Wenn die Flexibilität zum Risiko wird

Ein technischer, aber essenzieller Teil des Gesprächs widmet sich der Hypermobilität. Viele Menschen im ADHS-Spektrum haben eine allgemeine Hypermobilität der Gelenke (oft im Zusammenhang mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom diskutiert).

Jenni H. berichtet von ihren Erfahrungen im Yoga und Sport. Da sie von Natur aus immer sehr beweglich war, bekam sie oft Bewunderung für „extreme“ Posen. Doch diese Flexibilität war instabil. Ohne die nötige Muskelkraft, um die Gelenke zu schützen, führte dieses Training zu chronischen Entzündungen, Blockaden und Schmerzen. Jenni H. erinnert sich an Zeiten, in denen sie trotz Yoga ständig beim Orthopäden war und Spritzen gegen die Schmerzen benötigte.

Die Lösung war ein Paradigmenwechsel: Weg von noch mehr Dehnung, hin zu gezieltem Krafttraining zur Stabilisierung. Es geht darum, die Kontrolle über die Bewegung zurückzugewinnen, anstatt sich passiv in Gelenke „hineinzuhängen“.

Ein neuer Ansatz: Diskriminierungssensibles Training

Sina bezeichnet sich selbst als mehrgewichtige Trainerin. Dieser Begriff ist ein politisches Statement gegen die grassierende Fettfeindlichkeit (Weight Bias) im Gesundheits- und Fitnesssektor. In der Folge wird deutlich, wie oft mehrgewichtigen Menschen pauschal Unsportlichkeit oder mangelnde Disziplin unterstellt wird, oft sogar von medizinischem Personal. „Man kann nicht von außen sagen, ob ein Mensch gesund ist oder nicht“, stellt Sina klar. Ihr Angebot unter fidd.studio in Hamburg-Ottensen sowie Online ist ein Gegenentwurf dazu. Es ist ein Ort, an dem Menschen nicht trainieren, um „weniger“ zu werden, sondern um „mehr“ zu können: mehr Kraft, mehr Beweglichkeit, mehr Lebensqualität.

Strategien für ein neurodivergentes Training

Um mit ADHS langfristig am Ball zu bleiben, nutzen Sina und Jenni H. spezifische Strategien:

  • Analoge Struktur: Anstatt einer App nutzt sie oft ein analoges Trainingstagebuch. Das Schreiben mit der Hand fördert den Fokus und verhindert die Ablenkung durch das Smartphone.

  • Video-Analyse: Da die Eigenwahrnehmung (Propriozeption) bei ADHS schwanken kann, hilft es, Übungen zu filmen. So lässt sich die Technik objektiv beurteilen, wenn das Gefühl trügt.

  • Radikale Akzeptanz: Sina plädiert dafür, das Training dem Tageszustand anzupassen. Wenn die Konzentration nach zwei Sätzen schwindet, ist es besser, aufzuhören, als eine Verletzung durch Unachtsamkeit zu riskieren.

Selbstständigkeit als Fluch und Segen

Nach zehn Jahren in der Werbebranche wagte Sina den Sprung in die Selbstständigkeit. Für viele Menschen mit ADHS ist dies der einzige Weg, um langfristig beruflich glücklich zu sein, da sie ihre Strukturen selbst schaffen können. Dennoch bleibt es eine Herausforderung: Die Woche muss geplant werden, Rechnungen müssen geschrieben werden. Aufgaben, die für ADHS-Gehirne oft eine enorme Hürde darstellen.

Sina nutzt hierfür das Prinzip der Reduktion. Anstatt sich in tausend neuen Apps und Planern zu verlieren, setzt sie auf Klarheit und einfache Tools wie die Erinnerungs-App. Das Jahr 2026 steht für sie unter dem Motto „Klarheit und Reduktion“.

Fazit: Bewegung als Weg zur Freiheit

Das Gespräch zwischen Jenni und Sina zeigt eindrucksvoll: Sport ist dann am wertvollsten, wenn er als Werkzeug zur Selbstfürsorge und nicht zur Selbstoptimierung dient. Die Diagnose ADHS war für Sina kein Urteil, sondern eine Befreiung. Sie erlaubte ihr, Frieden mit ihrem Körper zu schließen und eine Form der Bewegung zu finden, die ihr Gehirn nährt, anstatt es zu überfordern. Möchtest du Sina und ihre Arbeit kennenlernen? Sina bietet in Hamburg sowie online Personal Training und Coachings an. Sie nimmt sich bewusst Zeit für Kennenlerngespräche, um die individuelle „Bewegungshistorie“ ihrer Klientinnen zu verstehen.

Links & Ressourcen zu Sina:

Checkliste für dein nächstes Training (ADHS-Edition):

  1. Reizreduktion: Kopfhörer mit Noise Cancelling oder ein ruhiges Studio wählen.

  2. Klarer Plan: Vorher festlegen, welche Übungen gemacht werden, um „Decision Fatigue“ zu vermeiden.

  3. Fokus auf Technik: Besonders bei Hypermobilität ist die korrekte Ausführung wichtiger als das Gewicht.

  4. Spaßfaktor: Wähle eine Sportart, die dich mental fordert (wie Boxen), um den „Hype“ deines Gehirns zu nutzen.

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