Yoga & Schmerz: Warum „Augen zu und durch“ deine Gesundheit gefährdet

In der Yoga-Welt hält sich ein hartnäckiges Gerücht: Wenn eine Übung unangenehm ist, Schmerzen bereitet oder massiven inneren Widerstand auslöst, dann sei das ein Zeichen dafür, dass man genau diese Haltung „am meisten brauche“. Man solle den Schmerz „wegatmen“, sich dem Unbehagen stellen und durch die Intensität wachsen.

In unserer aktuellen Folge von Motivity Moves haben wir – Jenni und Jenny vom Motivity Studio Hamburg – mit diesem gefährlichen Dogma aufgeräumt. Denn die Wahrheit ist: Dein Körper schickt dir Signale nicht ohne Grund. Besonders wenn du zu den Menschen mit Hypermobilität, HSD oder hEDS gehörst, kann das Ignorieren dieser Warnsignale langfristige Folgen für deine Gelenke und dein Nervensystem haben.

In diesem Artikel erfährst du, warum wir das Konzept der „Schablone“ im Yoga hinterfragen müssen und wie du eine Praxis findest, die dich wirklich stärkt, statt dich zu verletzen.

Die Anatomie der Individualität: Warum die „Schablone“ scheitert

Yoga wird oft so unterrichtet, als gäbe es eine ideale Endform für jede Asana. Wir sehen Bilder von Menschen in tiefen Vorbeugen oder im perfekten Kopfstand und denken: „Da muss ich hin.“

Doch die Realität unserer Anatomie ist gnadenlos individuell. Es gibt zwei Hauptfaktoren, die bestimmen, wie weit du in eine Haltung kommen kannst:

  1. Kompression: Hier stößt Knochen auf Knochen. Wenn dein Oberschenkelknochen am Rand deiner Hüftpfanne anstößt, ist Schluss. Keine Dehnung der Welt wird diesen mechanischen Stopp verändern. Wer hier weiterdrückt, riskiert Verletzungen am Labrum (der Gelenklippe) oder Entzündungen.

  2. Zug (Dehnung): Hier wird das Gewebe (Muskeln, Faszie, Bänder) gelängt.

Wenn ein Lehrer sagt, du „brauchst“ eine Pose, die dir Schmerzen bereitet, ignoriert er oft die Tatsache, dass dein Skelettbau diese Pose vielleicht gar nicht zulässt. Im Motivity Studio sagen wir deshalb: Passe die Pose an deinen Körper an, nicht deinen Körper an die Pose.

Hypermobilität, HSD und hEDS: Wenn „zu viel“ Beweglichkeit zum Problem wird

Ein zentrales Thema in unserem Podcast ist die Hypermobilität. Viele Menschen landen beim Yoga, weil sie von Natur aus beweglich sind. Was oft als Talent gefeiert wird, ist jedoch häufig eine Bindegewebsschwäche.

Was ist der Unterschied?

  • HSD (Hypermobility Spectrum Disorder): Eine Hypermobilitäts-Spektrum-Störung liegt vor, wenn die Gelenke überbeweglich sind und dies zu Schmerzen oder Instabilitäten führt.

  • hEDS (hypermobiles Ehlers-Danlos-Syndrom): Eine systemische Erkrankung, die den gesamten Körper betrifft.

Für Menschen mit HSD oder hEDS ist das Dogma „Geh in den Schmerz“ besonders gefährlich. Da ihr Bindegewebe (Kollagen) weicher ist, bieten die Bänder den Gelenken nicht genügend Schutz. Wenn diese Menschen in tiefe Dehnungen wie sitzende Vorbeugen gehen, „hängen“ sie oft passiv in ihren Gelenken. Das Resultat? Mikrotraumata, die sich erst Tage später durch chronische Schmerzen im unteren Rücken oder den ISG-Gelenken äußern.

Der Beighton-Score und die Körperwahrnehmung

Um festzustellen, ob du hypermobil bist, nutzen Mediziner oft den Beighton-Score. Dabei werden Punkte für die Überbeweglichkeit der Finger, Ellenbogen, Knie und der Wirbelsäule vergeben.

Doch jenseits der Punkte gibt es ein wichtiges Symptom: Eine gestörte Propriozeption. Hypermobile Menschen spüren oft erst sehr spät, wo ihr Gelenk im Raum steht. Der „Schmerz“, den andere früh als Warnung wahrnehmen, setzt bei ihnen oft erst ein, wenn das Gewebe bereits überreizt ist. Deshalb ist das bewusste Hinterfragen von Übungen für diese Gruppe überlebenswichtig für die sportliche Karriere.

Psychologischer Druck: „Du musst dir nur mehr vertrauen“

Neben der körperlichen Ebene gibt es die psychologische Komponente. Oft wird Unbehagen im Yoga als „mentale Blockade“ abgetan.

  • Beispiel Kopfstand: Wenn jemand Angst vor dem Kopfstand hat, wird oft gesagt: „Du musst an dich glauben.“ Aber was, wenn die Angst ein Signal des Körpers ist, das sagt: „Meine Nackenmuskulatur kann diese Instabilität gerade nicht halten“?

  • Beispiel Savasana: Für Menschen mit einem hochsensiblen Nervensystem oder ADHS kann absolute Stille purer Stress sein. Zu sagen „Du brauchst die Ruhe am meisten“, wenn die Person innerlich gerade eine Panikattacke erleidet, ist kontraproduktiv.

Wir müssen lernen, dass Vermeidung manchmal eine kluge Strategie des Nervensystems ist. Es ist kein Versagen, eine Übung auszulassen. Es ist radikale Selbstfürsorge.

Schmerz differenzieren: Was ist „gut“, was ist „schlecht“?

Natürlich bedeutet Yoga auch Wachstum. Aber wie unterscheiden wir gesundes Training von schädlichem Ehrgeiz?

Das „gute“ Unbehagen:

  • Muskelbrennen bei Kraftübungen (z. B. in der Plank oder in Krieger-Positionen).

  • Ein Gefühl von Anstrengung und Wärme.

  • Zittern der Muskulatur (Ermüdung).

  • Ein leichter, großflächiger Dehnreiz im Muskelbauch.

Das „schlechte“ Unbehagen (Sofort-Stopp!):

  • Stechender, punktueller Schmerz.

  • Elektrisierende Gefühle (Nervenreizung).

  • Schmerz direkt im Gelenk (Knie, Hüfte, Schulter).

  • Schwindel oder Übelkeit.

  • Schmerzen, die erst nach der Praxis auftreten und tagelang anhalten.

Funktionelles Yoga: Die Lösung liegt in der Kraft

Wenn wir das alte Dogma hinter uns lassen, was tritt an seine Stelle? Im Motivity Studio setzen wir auf Funktionelle Bewegung. Das Ziel ist nicht die Ästhetik, sondern die Belastbarkeit im Alltag.

Statt passiver Dehnung (wie in der klassischen Vorbeuge) konzentrieren wir uns auf aktive Range of Motion (AROM). Das bedeutet: Bewege dein Gelenk nur so weit, wie du es mit deiner eigenen Muskelkraft kontrollieren kannst.

Warum Widerstandsbänder der Schlüssel sind

Besonders für hypermobile Yogis sind Widerstandsbänder ein Segen. Warum?

  1. Feedback: Das Band gibt dem Gehirn eine Rückmeldung, wo der Körper im Raum ist.

  2. Stabilität: Es zwingt die Muskulatur zur Arbeit. Man kann nicht einfach in die Pose „reinplumpsen“, sondern muss gegen den Widerstand arbeiten.

  3. Kraftaufbau: Es stärkt die tiefliegenden Stabilisatoren, die die Gelenke schützen.

Tipps für deine nächste Yoga-Stunde

Wenn du das nächste Mal auf der Matte stehst und der Lehrer eine Übung ansagt, die sich für dich „falsch“ anfühlt, probiere folgendes:

  1. Hinterfrage das Ziel: Frage dich (oder den Lehrer): „Was soll diese Übung bewirken?“ Wenn es um Hüftöffnung geht, gibt es vielleicht eine stabilere Variante im Stehen statt im Sitzen.

  2. Nutze Hilfsmittel: Blöcke, Gurte und Bänder sind keine Zeichen von Schwäche, sondern Tools für Präzision.

  3. Gib dir die Erlaubnis zum Nein-Sagen: Du bist die höchste Instanz für deinen Körper. Kein Lehrer der Welt spürt, was du spürst.

  4. Kommuniziere: Sag deinem Teacher vor der Stunde Bescheid: „Ich bin hypermobil/habe Rückenprobleme, ich werde heute einige Posen modifizieren.“

Fazit: Yoga, das dich wirklich weiterbringt

Der Satz „Die Haltung, die du nicht magst, brauchst du am meisten“ sollte ersetzt werden durch: „Die Haltung, die du nicht magst, verdient deine Aufmerksamkeit – finde heraus, warum sie sich nicht gut anfühlt, und passe sie an.“

Echtes Wachstum im Yoga passiert nicht durch das Ignorieren von Schmerz, sondern durch das tiefe Verständnis der eigenen Bedürfnisse. Wenn du lernst, auf deine Grenzen zu hören, wirst du langfristig eine Praxis entwickeln, die dich nicht auslaugt, sondern aufbaut.

Möchtest du einen neuen Weg im Yoga gehen? Weg von der Dehnung um jeden Preis, hin zu echter, spürbarer Kraft?

Dann nutze unsere Yoga Classes. Hier kommst du zum Stundenplan: https://motivitystudio.de/stundenplan

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Hypermobilität & Yoga: Stabil trainieren bei HSD & hEDS